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Genealogy

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Familienchronik

der Familie Dirksen

 

von Christian Dirksen

geb. am 21.6.1874

gest. am 3.11.1940

 

 

Diese Chronik schrieb Onkel Christian kurz vor seinem Tode. Sein Sohn, Dr. Helmut Dirksen, geb. am 29.1.1912, gest. 1991 hat die Chronik zum Teil bearbeitet.

Friesenlied

 

Auf den meerumschlungenen Wiesen

An der wilden Nordsee Strand

Wohnen wir, wir freien Friesen,

Stolz auf unser Vaterland.

Ob der wilde Nord auch braust,

Sturmflut an den Deichen haust

Hoch erschall es fern und nah:

Eala, eala, frya Fresena!

Frieslands edle Töchter strahlen

In der Schönheit Blütenpracht,

Rosenrot die Wangen malen,

Himmelblau das Auge lacht.

Wo im Kampf die Männer stehen,

Kühn dem Tod ins Auge seh'n,

Ist auch ihr Gruß fern und nah:

Eala, eala, frya Fresena!

Wie einst tapfere Friesen schlugen

siegreich der Normannen Heer,

Kämpfend Frieslands Söhne trugen

Oft im Streite ihre Wehr.

Mag auch wild der Sturmwind weh'n,

Manches Kampfschiff untergeh'n,

Machtvoll tönt es fern und nah:

Eala, eala, Frya Fresena!

Blonde Recken streiten wieder

Mit der alten Väter Mut,

Und das Meer singt wilde Lieder

Brausend mit der Wogen Flut.

Ob der Feind auch tobt mit Macht

Der Geschütze Donner kracht,

Hoch erschallt es fern und nah:

Eala, eala, frya Fresena!

„Eala, eala,Fresena" ist fälschlich als „Heil dir, freier Friese" gedeutet worden, es ist aber ursprünglich ein bloßer Zuruf oder Weckruf gewesen, dessen Zweck es war, die Friesen zusammenzurufen, sie aufmerksam und wach zu machen, wenn ihnen durch Feinde Gefahr drohte. „Eala, eala Fresena" bedeutet danach, „auf, erhebe dich, freier Friese." Bestätigt wird dies durch die angelsächsische Bibelübersetzung, in der Lukas,7 Vers 14, Christus dem Jüngling von Nain zuruft: „eala, geonge ans", das heißt: „auf, Jüngling, erhebe dich".

 

 

 

 

 

Die Landschaft, in die der Mensch hineingestellt ist, bestimmt zum großen Teil seine Eigenart und geistigen Eigenschaften. Da, wo der Blick des menschlichen Auges überall, wie in den Alpenländern, auf Bergwände stößt, fehlt vielfach auch der freie geistige Ausblick und die Großzügigkeit in den Entschließungen, wogegen da, wo das menschliche Auge sich in unendlicher Ferne am Horizont verliert oder auf der weiten Fläche des Weltmeeres, meist ein größeres geistiges Blickfeld vorhanden ist. Beeinflußt wird sodann die Charakterbildung von dem Kampf, den der Mensch mit den Naturgewalten zu führen hat. Es ist hiernach gewiß nicht falsch, wenn man in einer kleinen Familienchronik der Art der Landschaft, von der die Familie ausgegangen ist, sowie ihrer Geschichte einige Bedeutung beimißt. Ostfriesland hat infolge seines landwirtschaftlichen Charakters und seiner Lage abseits der großen Heerstraßen weniger durch die gewaltige Ausdehnung und Vervollkommnung der Verkehrseinrichtungen von der Eigenart seiner Landschaft und seiner Bewohner eingebüßt als irgendeine andere Gegend, es seien denn die Bezirke im äußersten Osten. Demgemäß findet man in Ostfriesland auch noch nicht die recht lächerlichen modernen Vornamen, die man in romanhafter Uberschwänglichkeit im übrigen Deutschland in der letzten Zeit den Kindern mit auf den Lebensweg gibt sondern Namen, die ein Stück rauhen Volkstums darstellen, das hoffentlich in absehbarer Zeit noch nicht im allgemeinen Chaos untergeht. Sind auch Namen darunter, die komisch anmuten, so darf man doch sagen, das sie meist zu den Menschen, die sie tragen, passen. Unter den fogenden Namen sind eine Reihe so volksverbunden, daß sie an anderen Stellen als Ostfriesland unmöglich wären. In dieser Beziehung möchte ich ihnen einen engeren Bezirk als den der Volkstrachten zuweisen, die im Grunde genommen doch manchmal große Ähnlichkeit mit solchen anderer Gegenden aufweisen.

 

Vornamen wie: Heiko, Edo, Renko, Weert, Wiard, Poppo, Emo, Ocko, Ude, Harro, Ucko, Hero, Lüppo, Hajo, Gesine, Talke, Agt, Amke, Frauke, Theda, Almut, Kea, Hilke, Edeline und andere passen zu

Familiennamen wie: Allena, Menninga, Sitsema, Beninga, Sikkes, Reemtsma, Agena, Attena, Ukena, Uhlenkamp,

 

 

 

Poppen, Tjaben, Fokken sowie zu unserem eigenen

Dirksen

Er bedeutet „Sohn des Dirk". „Dirk" ist kontrahiert aus Diderik, Didrik, Didrich (hochd. Dietrich). „rik" reich. Die erste silbe „diet" ist gleich "Volk", "Menge". Der Name bedeutet demnach: Sohn des Volkreichen, d.h. also, eines Mannes, der einen großen Anhang hat oder eine volkführende Stelle einnimmt. - Es ist auffallend, daß das früher allen germanischen Sprachen gemeinsame Wort „diet" es lautete det, diet, deit, diot, thiot, deot, diet (Volk, Haufe, Menge) gotisch thiuda, altfriesisch thiada, ags. theod an thiod so vollständig ausgestorben ist, daß man ihm im Germanischen nicht mehr begegnet.

So wie die ursprünglichen Namen in der heutigen Zeit noch erscheinen, so ist auch der friesische Dialekt nicht ausgestorben, wenn er auch in den letzten Jahren hochdeutsche Bestandteile in sich aufgenommen hat. Dadurch, daß sich in Ostfriesland keine nennenswerte Industrie entwickelt hat, ist ein größerer Zuzug aus fremden Volksstämmen unterblieben und der Charakter des Bauern— und Schiffervolkes überall heute noch erkennbar. Bauernhöfe, die 200 und mehr Stück Vieh in der reichen Marschgegenden auf die Weide schicken, die typischen turmhohen Windmühlen, wie man sie auch noch in Holland sieht und die Masten der kleinen Schiffe, mit denen der friesische Schiffer sich auf alle Weltmeere wagte und selbst das Kap Horn umsegelte, sowie Fahrten nach Brasilien unternahm, gehören zu den Charakteristiken der Landschaft. Die Schiffchen, in denen u.a. auch mehrere unserer entfernteren Verwandten untergingen (Wilhelm Ukena Uhlenkamp Vater und Sohn auf verschiedenen Fahrten und Johannes Lehnhof) sind jetzt seltener geworden. Das Dampfschiff hat sie verdrängt. Im Interesse der Navigation ist das zu bedauern, weil gerade die Schiffer dieser kleinen Holzschiffe in der Nautik Hervorragendes leisteten und sich durch Wagemut auszeichneten.

Die Abneigung der Ostfriesen gegen alles Fremde hat besonders in den wechselvollen Zeiten, die Ostfriesland nach dem Aussterben seines Fürstenhauses Cirksena politisch durchzumachen hatte, dazu beigetragen, das Volkstum unversehrt zu lassen. Man braucht nicht— wie das geschehen ist, in die schwedische Provinz Dalekarlien zu reisen, um den Typ des Germanen zu studieren; das kann man auch in Ostfriesland.

Der 7-jährige Krieg

Der Tod des Fürsten Edzard Cirksena, am 26. Mai 1744, brachte Ostfriesland an Friedrich den Großen. Nach dem unglücklichen Kriege Preussens mit Napoleon kam dann das Land an Holland. und nach der Niederwerfung Napoleons wurde es dem Königreich Hannover, das in Personalunion mit England verbunden war, zugeteilt. Als dann im Jahre 1837 König Wilhelm IV von England starb und nur eine weibliche Nachfolge für den englischen Thron vorhanden war, eine Frau aber nach dem salischen Gesetz den hannoverschen Thron nicht innehaben durfte, kam Ostfriesland an das vom englischen Thron unabhängige Hannover unter dem Vetter der Königin, Ernst-August, Herzogs von Cumberland. Dessen Sohn, König Georg, verlor durch den Krieg von 1866 sein Land, das damit preussische Provinz wurde.

 

Daß eine so wechselvolle politische Entwicklung segensreich für ein Volk wäre und es bei jedem Wechsel mit Schiller hätte sprechen können: "Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an", ist kaum anzunehmen. Eher hätte es schon in Anlehnung an Ernst Moritz Arndt fragen können:"Was ist des Friesen Vaterland?" Dies und die schlechte Meinung über das hannoversche Königshaus mochte denn auch der Grund dafür sein, daß die Emdener dem 1866 ihre Stadt für Hannover verteidigenden Hauptmann von Döring, wie uns unser Vater sagte, erklärten, sie würden das Zeughaus stürmen, wenn er der Aufforderung des Kommandanten der vor der Stadt liegenden Kanonenboote, sich zu ergeben, nicht nachkomme. Es mag erwähnt werden, daß der Hannoveraner freien Abzug bei der Kapitulation erreichen konnte.

Der dauernde Kampf mit den Naturgewalten und die wilden Sturmfluten (Anmerkung: 1391, Spuren der beginnenden Dollartbildung. 1509 und 1511: die Sturmfluten erweitern Dollart und Jade zu tiefeinschneidenden Meerbusen und begraben unter sich zahlreiche Dörfer, die in der Sage weiterleben), die alles niederissen, was Menschenhand errichtete, haben ein Volk geprägt, das rauh, herb, entschlossen und einsatzbereit ist. Nicht harter Herrenwille, sondern gemeinsame Not bringt

 

 

Menschen dazu, ihr Äußerstes einzusetzen gegen das alle in derselben Weise bedrohende Element. Durch gemeinsamen Widerstand und gemeinsames Ringen werden die im Kampfe hart gewordenen Hände zu einer lebendigen Kette verbunden. Da, wo auf gischtumschäumter Deichkappe nur der Mann und seine Kraft gilt, ist nicht Knecht noch Freier; sie sind allzumal einer. Dadurch ist aber wiederum ein Geist individueller Freiheit entstanden, wie man ihn sonst selten trifft, und wie er sich auch in dem schnellen Anschluß an die Reformation, der ganz reibungslos, mit großer Toleranz, einfach aus einem geistigen Bedürfnis heraus vonstatten ging, zu erkennen gibt. Die Kämpfe, die die Friesen vielfach untereinander, aber auch gegen die Unterdrückungsversuche der streitbaren Bischöfe von Bremen und Münster zu führen hatten, bestätigen ein Urteil das Dr. Reimers in seiner Geschichte Ostfrieslands anführt:

 

„Nicht nur in der Nachbarschaft, wie in Utrecht und Bremen blickt man mit Bewunderung auf die freien Männer, die allem Joch der Knechtschaft und jedweder Sklaverei entkommen sind und spricht von einer `mit Grauen untermischten Hochachtung‘ von jenem Volk voll Wildheit, das von rasender Wut entfacht für die Freiheit zum Schwerte greift."

Die Bischöfe und Erzbischöfe, die gegen Ostfriesland zogen, gehörten zu jenem politischen Klerus, von dem es im Studentenliede heißt:

„Selbst von Mainz des Bischofs Gnaden kamen mir benebelt vor."

Sie befaßten sich lieber mit Krieg und Trunk als mit dem ihnen anvertrauten Evangelium. Natürlich waren diese sonderbaren Herren nicht die einzigen Angriffslustigen, die jeweils gegen Ostfriesland zu Felde zogen.

Unter den Häuptlingen (so nannte man die Führer in den einzelnen ostfriesischen Orten und Distrikten) ragt Anfang des 15. Jahrhunderts Fokko Ukena hervor, der in seinen vielen kriegerischen Unternehmungen in der Schlacht von Detern (1426) die Oldenburger, den Erzbischof von Bremen und eine Anzahl streitbarer Grafen mit ihrem bremisch-oldenburgischen Ritterheer vernichtend mit seinen Bauern schlug, wobei der Erzbischof in Gefangenschaft geriet. Mit einem kleinen Heerhaufen ostfriesischer Bauern hatte er ein Ritterheer vernichtet, für das hochgeachtete Glieder des Herrenstandes ihre Waffenehre eingesetzt hatten. Friesische Fäuste hatten am Tore des Landes den Fremden nachdrücklich den Eingang verwehrt. Das machte den Helden von Detern, dessen Reckengestalt alles Volk um Haupteslänge überragte, zu einem volkstümlichen Mann. Seine ehemaligen Untertanen im Overledinger Lande wußten noch lange in wilden Sturmnächten der aufhorchenden Jugend davon zu erzählen, daß der „fliegende Fokko" als eine Art wilder Jäger aus Wotans Heer ruhelos in den Lüften dahinjage. - Eine Rolle bei diesen Kämpfen gegen Fokko Ukena unter dem Banner seines Hauptgegners, des Friesenhäuptlings Ocko tom Brok spielten die sogenannten "Vitalienbrüder", zu denen der berühmte Klaus Störtebeker gehörte. Störtebeker selbst wurde in einer Schlacht, die die Hamburger bei Helgoland gegen die Seeräuber führten, gefangen und mit 150 Gefährten enthauptet. Die Bezeichnung „Seeräuber" verdient dieser tollkühne Mann allerdings nicht mehr und nicht weniger als die Helden der Königin Elizabeth von England wie z.B. Francis Drake. Bei der Belagerung Stockholms im dänisch-schwedischen Kriege (1380 - 1395) hatten diese Seeleute die Lebensmittelversorgung der Schwedenhauptstadt von der Seeseite her durchgeführt, worauf ihr Name zurückzuführen ist. Dabei waren den abenteuernden Seeleuten gefahrumwitterte Erwerbsmöglichkeiten erschienen, die zum Kaper- und Piratenwesen führten. Die friesische Küste mit ihren Einbuchtungen bot ihnen erwünschte Schlupfwinkel. - Den kleinen Machthabern leisteten diese Räuber oft Kriegsdienste. Zugleich hatten jene an ihnen eine Einnahmeguelle für die Zuflucht, die sie ihnen gewährten. Im Jahre 1427 sind sie zum großen Teil als Bundesgenossen des Häuptlings tom Brok auf den sogenannten "wilden Ackern" gefallen. In dem Kampfe von 1430, den die Stadt Emden in Verbindung mit den Hamburgern gegen das allgemeine Ostfriesland (ähnlich den stets miteinander uneinigen kleinen Stadtdemokratien des alten Griechenlands) führte, ist der Häuptling Sibet von Doornum der Held des Tages. Lange noch klang es im Volkslied nach, wie er den Hamburgern beibrachte, in raschem Rückzuge in die bergenden Mauern der Stadt zu fliehen.

Eine Fehde folgte der anderen mit den Erzbischöfen der Nachbarschaft dem Grafen von Oldenburg und der einzelnen Häuptlinge gegeneinander. In ihnen wurde mit großer Erbitterung gekämpft. Der Hauptheld des 15. Jahrhunderts bleibt Fokko Ukena (gest. 1436). Liest man von den alles hinten setzenden Kämpfen der Friesen, so mag man wohl die Anfangszeilen des Nibelungenliedes zitieren:

„Uns ist in alten maeren wunders vil geseit

von heleden lobebaeren, von grozer kuenheit,

von fröuden, hochgeziten, von weinen und von klagen,

von küener recken striten muget ir nu wunder höeren sagen."

 

 

 

Charakterlich bemerkenswert bleibt noch folgende Tatsache: Unter der Führung des Herzogs Heinrich des Alteren von Braunschweig lagerten im Jahre 1514 vor der kleinen Festung Leerort etwa 20.000 Mann mit 18 Geschützen. Verteidigt wurde der Platz von wenigen Bauern, denen man 100 Landsknechte beigegeben hatte. Die Bauern lehnen mit aller Entschiedenheit ab, sich zu ergeben, obwohl die Festung nicht zu halten war und die Stunde vorausgesagt werden konnte, wann die wenigen Verteidiger ähnlich den Helden von Leonidas verloren sein würden. Die Vorbereitungen waren am 23. Juni 1514 getroffen, als sich unerwartet folgendes ereignete: Der 15-jährige Sohn des Emdener Geschützmeisters der kleinen Festung brannte vor Begierde, in einen dichten Haufen der Feinde hineinschießen zu dürfen. Die erste Kugel seines Geschützes zerschlug den Kran, der zum Richten der feindlichen Geschütze aufgebaut war, der zweite zerschmetterte den Oberkommandierenden Heinrich von Braunschweig. Die dadurch führerlos gewordene Truppe verlor mit Heinrich zugleich ihren Angriffsgeist und zog sich aus Ostfriesland zurück. Das Land war gerettet. Die kriegerische Handlung war gegen den Grafen Edzard (1462 – 1528) gerichtet.

Erwähnt werden mag hier geschichtlich noch die alte friesische Thingstätte „Upstalsboom" (bei Aurich), wo wichtige Beschlüsse für die Volksgemeinschaft getroffen wurden.

Als Volkshelden der Zeit um Fokko Ukena seien noch die folgenden genannt: Hero Omken, Edo Wimken, der Häuptling des Harlingerlandes, Folkmar Allena, ihmel Allena. - Von einer gräflichen Frau wußte unsere Mutter zu erzählen, der „quaden Foelke". Das Wort „quad" bedeutet "böse". Die Bosheiten, die sie der Sage nach getan haben soll, sind glücklicherweise nicht alle geschichtlich verbürgt. Jedenfalls gilt sie auch heute noch im Volke als schlimme Teufelin, die der Gerlinde im Gudrunlied den Rang abgelaufen hat.

 

 

 

 

Es ist nicht meine Absicht, hier eine geschichtliche Abhandlung zu bieten. Die vorausgegangene Einleitung hat vielmehr den Zweck, im Rahmen eines Beitrages zu einer Familienchronik die Art des Volkes zu kennzeichnen, dem unsere Vorfahren entstammen. Als bedeutende Ostfriesen seien hier noch genannt: Der Geschichtsforscher Prof. Schlosser und der Philosoph und Nobelpreisträger Geheimrat Prof. Dr. R. Eucken (1846 - 1926), der auf dem Auricher Friedhof begraben ist. Der Merkwürdigkeit halber mag aus dem 17. Jahrhundert der aus der Schlacht von Lützen bekannte Feldmarschall des Schwedenkönigs Gustav Adolf, Dodo von Kniphausen, genannt werden.

Der Ostfriese ist vielfach zurückhaltend; erst nachdem er sein Mißtrauen überwunden hat, gastlich und hilfsbereit. Bald surrt, wenn ein Gast im Hause ist, der Teekessel auf dem Herd. Das Getränk wird in vorzüglicher Beschaffenheit, wie man sie sonst nur noch in England kennt, in schönem dünnen Porzellan aufgetragen. Die vielen reichen Bauernhöfe weisen noch mancherlei Altertümer in Gestalt von geschnitzten Truhen, Gold— und Silberschmuck auf, soweit diese nicht in die Hände habgieriger Aufkäufer gefallen sind, die sie allerdings bei der anerkannten Geschäftstüchtigkeit der ostfriesischen Bauern, die man manchmal sogar Verschlagenheit nennen möchte, nicht leichten Kaufs erhalten haben werden. Beachtenswerte Sachen enthalten noch manche Kirchen, von denen einige, wie beispielsweise die von Marienhafe, mit dem wuchtigen Störtebeker Turm sehenswert sind. Die Rüstkammer in dem alten prächtigen Rathaus in Emden bietet mit ihrer reichen Waffensammlung Zeichen der Waffen- und Wehrfähigkeit des Volkes. Der Geist des Volkes leuchtet u.a. in seinen Sprichwörtern und Redensarten, die mein Vater gesammelt und in zwei kleinen Bänden herausgegeben hat; eine Arbeit, die die Anerkennung namhafter Gelehrter gefunden hat.

Der Schiffer, der in seinem kleinen Schiffe nach Brasilien fährt, der dem Sturm am Kap Horn in seiner Nußschale trotzt, der schlaue, widerborstige Bauer, die Männer, die im Kampfe mit den Sturmfluten die Deiche bewachen, nicht weniger die Mitglieder anderer Berufe, bilden eine Gemeinschaft, die im Reich früher nicht immer auf Verständnis, oft wegen ihres schroffen Wesens sogar auf Ablehnung gestoßen sein mag.

 

 

 

 

Wenn ich im Voraufgegangenen den landschaftlichen Rahmen und die geistige Verfassung der Bevölkerung zu schildern versucht habe, so komme ich jetzt dazu, den einzelnen Familienangehörigen nachzugehen, so weit ich ihren Fußstapfen folgen kann. Diese führen zunächst nach Leer, einer kleinen Kreisstadt von rd. 14.000 Einwohnern, mit altertümlichen, meist schmucklosen kleinen Ziegelsteinbauten, über denen stets der blaue, süßliche Torfgeruch schwebt, und Bürgersteigen aus roten Klinkersteinen. Aus den Häusern heraus ragen das etwa um das Jahr 1890 erbaute Rathaus, sowie die lutherische und die reformierte Kirche hervor, zu denen noch vor einigen Jahrzehnten zwei prachtvolle Windmühlen in der Hauptstraße kamen, deren Abbruch der Landschaftskonservator hätte verhindern sollen. Als interessantes Gebäude könnte man noch die Wage oder Börse vor dem Hafeneingang an der Leda nennen. Infolge der großen Viehmärkte hat die Stadt einen lebhaften Verkehr, bei dem früher die Viehjuden eine hervorragende Rolle spielten.

Von dem

Urgroßvater Harm Harbert Dirksen und seiner Frau Clara Magdalena geb. Harms

habe ich nur festhalten können, daß der Urgroßvater dem Handwerkerstande angehörte, sich zum reformierten Glauben bekannte und um 1815 nach Leer kam, so unser Großvater väterlicherseits als zweiter Sohn im Jahre 1819 geboren wurde. Er verzog dann von leer. Wohin er seinen Wohnsitz verlegte, hat sich nicht ermitteln lassen, weil man damals keine Meldeämter kannte und man auf die Register der Pfarrämter angewiesen ist. Nach den Mitteilungen unseres Vaters, dem sein Großvater vollständig unbekannt geblieben ist, muß angenommen werden, daß der Urgroßvater schon früh verstorben ist und seine Familie in ungünstigen Verhältnissen zurückgelassen hat. Geboren dürften die Urgroßeltern um 1790 sein.

Der Großvater Hermann Christian Dirksen

evangelisch reformiert, wurde am 29. Dezember 1819 zu Leer geboren und starb daselbst am 23. Oktober 1880. Er war verheiratet mit Marie-Luise Wilhelmina Bothmann lutherisch, geboren am 3. Dezember 1822 zu Wittmund, gestorben in Leer am 1. Mai 1871. Der Urgroßvater Carl Friedrich Bothmann hatte unter Wellington [sollte wohl Wellesley sein, der die Britischen Truppen in Talavera anfuehrte] in Spanien gekämpft und bezog eine Ehrenpension Englands, weil er bei Talavera unter Einsatz seines Lebens die englische Fahne seines Truppenteils den Franzosen wieder entrissen hatte. Die Urgroßmutter Maria Anna geb. Phillips stammte aus Hastings. Geburts— und Sterbetag der beiden Urgroßeltern konnte nicht festgestellt werden.

Der Großvater errichtete in einem unscheinbaren Hause in der Königsstraße in Leer ein Geschäft, das sich im Laufe der Jahre infolge seiner Tatkraft als sehr gewinnbringend erweisen sollte. Im Kampfe um seine Existenz wollte dem tapferen Manne, dem infolge des frühen Todes seines Vaters in jungen Jahren, fast noch ein Kind, ins Getriebe der Welt hineingestoßen worden war, gelegentlich wohl der Mut entfallen, aber seine Ausdauer überwandt letzten Endes alle Schwierigkeiten. Unser Vater erzählte, wie schwer es sich seine Eltern hätten werden lassen und wie bedrückt der Großvater in seinen jüngeren Jahren wohl von seinen Geschäftsgängen zurückgekommen sei. Das kleine Haus erwies sich dann aber später doch als eine Goldgrube. Die Waren, unter denen das ostfriesische Nationalgetränk, der Tee, in den Vordergrund trat, wurden nicht allein im Detail, sondern in der Hauptsache im Großabsatz vertrieben, und zwar durch Leute, die damit das Land versorgten. Unter ihnen befanden sich allerhand Originale, von denen uns unser Vater nicht genug erzählen konnte. Einer von ihnen, ein Schiffer, hatte früher einmal auf einem holländischen Oorlogsship (Kriegsschiff) gedient und dort angeblich allerhand Heldentaten verrichtet, zu denen es auch gehört zu haben scheint, daß er von dem Ausspruch Götzens in der ostfriesischen Version reichlich Gebrauch machte. Er war wohl immer mehr oder weniger unter Alkohol und dann stets sehr laut und rührselig. Wenn er nicht gereizt wurde, war er gutmütig, sonst aber ein Berserker. Ein anderer von diesen Kunden hieß der "Mall—Lord". "Lord" war sein Vorname. Das Adjektivum "mall" besagte, daß er geistig nicht ganz normal sei. Er war meist betrunken und suchte dann im Hause der Großeltern Händel, oder er warf sogar gelegentlich im Rausch den Zimmerofen um. Respekt hatte er nur vor der Kraft des Riesen Andres Foss, der ihn schon einmal, trotz allen Widerstrebens und Schimpfens, an die frische Luft befördert hatte. Diese beiden Vertreter des Kleinhandels zeigen, was sich die Großeltern alles von diesen wilden Gesellen gefallen lassen mußten, als das Geschäft noch unbedingt auf sie angewiesen war. Unter den Händlern war auch ein ehemaliger Händler Ising, der seine schöne Mühle durch die Kehle hatte gleiten lassen, eine Tatsache, an die er nicht erinnert sein wollte. Er stimmte daher jedesmal ein schreckliches Jammergeheul an, wenn seines Vaters ältester Bruder, der zu allem Schabernack aufgelegt war, seine Arme kreisende Bewegungen durch die Luft machen ließ, die an die Umdrehung der Windmühlenflügel erinnern sollten. Schließlich mag noch Lamert Viet erwähnt werden, der immer erklärte, er müsse "kusskuss" (er meinte Konkurs) machen, was er anscheinend für sehr vornehm hielt, ohne die Tragweite der Handlung zu begreifen. Dabei würde niemand eine Konkursmasse bei dem armen Teufel der seines Zeichens eigentlich ein Schneider war, habe feststellen können. Diese und ähnliche Kunden waren trotz ihrer Sonderlichkeiten ehrliche Burschen und brachten viel Geld ins Haus. Es erklärt sich hiernach, daß der Großvater jedem seiner elf Kinder ein ansehnliches Stück Geld vermachen konnte und daß bei seinem Tode für 42.000 Mark Tee an der zollfreien Niederlage in Leer lagerten, ein Wert, der auf die jetzigen Verhältnisse und Teepreise umgerechnet mehrere Millionen ausmachen würde. Wenn der Großvater noch einige Jahre gelebt hätte, würde sein Vermögen sich wohl noch verdoppelt haben. Die Großmutter, , die diesen glänzenden Stand der Dinge nicht mehr erlebt hat, war früh gestorben. Der Großvater nahm am 23. Oktober 1880 Abschied vom Leben, nicht ganz 61 Jahre alt. Er war ein frommer, rechtschaffener Mann, der, wie sein Lichtbild zeigt, eher den Eindruck eines vornehmen Gelehrten als eines Kaufmannes machte. Von seinen elf Kindern ist nur ein Sohn 71 Jahre alt geworden; die anderen sind alle früher gestorben. Über sein Leben kann man die Worte schreiben:

„Das Andenken des Gerechten bleibet in Ehren". Persönliche Bedürfnisse hatte er nicht.

Mein Vater hing an Vater und Mutter mit großer liebe. Seine Mutter verlor er, als er auf dem Lehrerseminar in Aurich war. Jedesmal wenn der Kalender den Todestag anzeigte, verweilte er im Geiste bei den Ereignissen der schweren Stunden. Der Großvater hat seine Frau nie vergessen, und obwohl er bei ihrem Tode noch verhältnismäßig jung war, das Geschäft und die vielen unversorgten Kinder auch eine tüchtige weibliche Person nicht entbehren konnten, hat er nicht wieder geheiratet. Unser Vater, Carl Christian Wilhelm Dirksen, evangelisch reformiert, geb. am 10. Februar 1850 zu Leer, gest. am 27. September 1903 in Duisburg-Meiderich, verh. mit Hilene Gerhardine Rabenberg, evangelisch lutherisch, geb. am 2. August 1851 zu Kloster Thedinga, Ostfriesland gest. am 6. Mai 1927 zu Duisburg — Meiderich.

Am Niederrhein

An einem heißen Sommertag des Monats Juni im Jahre 1875 kamen aus dem Harlingerlande ein junger 25—jähriger Lehrer, der bis dahin an der höheren Bürgerschule in Esens tätig war, mit seiner 24—jährigen Frau und einem einjährigen Kinde auf dem Köln—Mindener Bahnhof, einem alten Privatgebäude in Meiderich an. Vor dem Bahnhof, in einer Entfernung von wenig mehr als 100 m reckten sich die qualmenden Schlote der Steinkohlengrube Westende ln die Luft. Dies waren aber nicht die einzigen Schornsteine, die Rauch und Ruß in die Atmosphäre sandten. Hieran beteiligten sich in unmittelbarer Nachbarschaft ein kleines Walzwerk, sowie eine kleine Maschinenfabrik und wenige Kilometer weiter einige große Industriewerke. Das war nicht die reine Heimatluft, die man noch am Tage vorher geatmet hatte. Die Gegend war auch weit entfernt von den Schilderungen vom schönen deutschen Rhein. Eine mehr als 10-stündige Bahnfahrt hatte das junge Paar über Haltern in Westfalen hierher gebracht. War der erste Eindruck des Ortes nicht gerade günstig, so war die Lehrerwohnung, die man für die Eltern bestimmt hatte, geradezu traurig. Man hatte zur Zeit nicht allzuviel für die Lehrer übrig. Damals hatte der Ort, der von Jahr zu Jahr mehr industrialisiert wurde, jedoch noch nicht allen Reiz verloren. Eine überaus reiche Baumblüte legte ihm im Frühling ein liebliches Hochzeitskleid an. Trotz der damals schon beträchtlichen Einwohnerzahl (1875 waren es 12.000 Seelen) hatte der Ort keine Gasbeleuchtung, keine Kanalisation, keine Wasserleitung und kaum eine zusammenhängende Straße. Die Häuser standen regellos an ungepflasterten Wegen, die bei Regenwetter geradezu unpassierbar waren. Als Zeuge früherer Jahrhunderte stand noch der alte aus Bruchsteinen erbaute Turm der evangelischen Kirche da. Hinter ihm hatte bis zum Jahre 1862 eine alte Kirche gestanden, die mutmaßlich um das Jahr 1000 erbaut worden war. Eine dichtere Häusergruppe um die Kirche herum bildete mit dem alten Turm ein Stück alter Zeit. Trotz aller Ansätze zu einer starken industriellen Entwicklung war Meiderich ein anspruchsloses Dorf, in dem die Eltern gelandet waren. Der Typ der Bevölkerung war auch so ganz anders als in der Heimat. Unsere Mutter schilderte wohl einmal die Schüler: sie hätten grau-gelbe Gesichter gehabt und gestrickte Zipfelmützen getragen, eine Tracht, der ich mich noch sehr wohl zu erinnern weiß. Die Niederfranken und die Niedersachsen, deren Gebiete an dem die Südgrenze des Ortes bildenden Flusses Ruhr zusammenstoßen, erweisen sich aber durchweg als erträgliche, biedere Volksgenossen. In dem alten Schulhause wohnten die Eltern nicht lange, da sie imstande waren, sich aus eigenen Mitteln ein einfaches Heim im Jahre 1884 zu errichten, in dem man Platz die Fülle hatte. Ein größeres Stück Land, das neben dem Hause lag, hatte der Vater aus kluger Voraussicht dazugekauft. Es wurde gelegentlich an Marktleute vermietet mit dem erfreulichen Erfolg für mich und meine Geschwister, daß wir umsonst Karussell fahren durften. Ich mag an dieser Stelle gleich einschalten, daß der Vater den ganzen Besitz nach wenigen Jahren wieder verkaufte und dann zwei moderne Häuser errichten ließ. Auch dieses Heim blieb nicht unser letztes. Bei der jämmerlichen Entlohnung der Lehrer und seiner großen Familie mußte der Vater danach trachten, nicht nur zusätzlich etwas zu erwerben, sondern auch das ererbte Vermögen seinen Kindern zu erhalten. War es auch immer knapp bestellt, und waren die Geldsorgen auch bekannte Gäste, so gelang es doch, die Familie in befriedigender Weise durchzubringen. Allerdings war unser Vater vollständig bedürfnislos, was nicht weniger für unsere Mutter gilt. Die Tabakspfeife war der einzige Genuß, den der Vater sich leistete. Leider muß angenommen werden, daß das Nikotin mit an seinem vorzeitigen Tod schuld gewesen ist. Wer will das aber schließlich beweisen? Fast 40 Jahre ruht er nun in kühler Erde am Niederrhein. Die Gedanken an ihn werden mich nie verlassen, und die Stunden vom 27. September 1903, in denen er plötzlich und unerwartet von uns ging, verfolgen mich bis an den heutigen Tag. Der treue Mann hat der Erforschung des Volkstums seiner Heimat und seines letzten Wirkungskreises große Dienste geleistet, die von den Fachgelehrten lebhafte Anerkennung fanden. Einer der Herren widmete ihm die Grabschrift: "Möge sein edler Geist, der nur Idealen nachgegangen ist, in der Verwirklichung des höchsten Ideals seine Ruhe finden". Einen Nekrolog widmete ihm Universitätsprofessor Dr. Heyne in Göttingen, einer der Fortsetzer des Grimm‘schen Wörterbuches. Wohl fast ein Jahrzehnt hatte mein Vater mit dem zeitweiligen Rektor der Berliner Universität, dem Germanisten Geh. Rat Prof. Dr. Karl Weinhold, in Verbindung gestanden. Die Vertrautheit des Verkehrs wird durch den noch vorhandenen Briefwechsel dokumentiert. Die einzige Freude, die sich der anspruchslose Vater in seinen letzten Lebensjahren gönnte, war, daß er an den alljährlichen Tagungen des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung mit lebhaftem Interesse teilnahm. Bei einer dieser Tagungen bewirtete der Senat der Stadt Bremen die Herren in dem von Hauff‘scher Romantik erfüllten Ratskeller mit einer Kostprobe des ältesten Rheinweines, von dem nach Schnellers führer durch Bremen der Tropfen unter Anrechnung von Zins und Zinseszins sowie Schwund auf einen Betrag gestiegen war, der so unglaublich erscheint, daß ich davon absehe, ihn zu nennen. Der Genuß war dabei gegenüber einem frischen Tropfen edlen Weines mehr als bescheiden. Die Blume allerdings konnte jeden weinfrohen Zecher entzücken. Auch der Norddeutsche Lloyd beteiligte sich bei der in Rede stehenden Gelegenheit an der Bewirtung der Gäste. - Ehrend wurde des Vaters Name unter anderem in dem großen Konversationslexikon von Brockhaus erwähnt.

Die schriftstellerischen Arbeiten unseres Vaters bestanden in fortlaufenden Beiträgen zu einer Zeitschrift für niederdeutsche Sprach-und Dialektforschung, einer anderen für Volkskunde und der Veröffentlichung zweier Bände Ostfriesischer Sprichwörter und sprichwörtlichen Redensarten sowie volkskundliche Schriften, die den Niederrhein betreffen. Die volkskundlichen Arbeiten habe ich erweitert, zusammengefaßt und neu bearbeitet. Das Buch ist mit folgender Widmung neu erschienen:

Patriae loboranti

et

patris carissimi memorae

sacrum.

Ein reiches Leben, wie das seinige, läßt sich nicht in einem kurzen Aufsatz schildern. Es ruht im treuen Gedenken der Seinigen.

 

Christian Dirksen, evgl. geb. am 21. Juni 1874 zu Esens im Harlingerland, zuletzt Prokurist der süddeutschen Handelsorganisation des Rheinisch—Westfälischen Kohlensyndikats. (gest. 3.11.1940)

Verheiratet mit

Franziska Dirksen geb. Horst (Tochter des verstorbenen Hauptlehrers Helmut Horst und seiner ebenfalls verstorbenen Frau Franziska, geb. Bath) geb. am 8. Februar 1877 zu Höhscheid, Kreis Solingen.

Da die Kinder begreiflicherweise den Wunsch haben, von der Generation aus der sie unmittelbar hervorgegangen sind, mehr als von den weiter zurückliegenden zu erfahren, beabsichtige ich, in diesem Abschnitt unter anderem meinen Lehr- und Lernjahren einen größeren Raum zu geben. Da ich hierüber einmal einen Vortrag gehalten habe, steht mir eine fertige Schilderung zur Verfügung, die ich auf diese Weise nochmals verwende. Es muß den Ausführungen aber etwas voraus— und nachgeschickt werden:

Von meinem Vater wurde ich mit vieler Geduld gegen meine oft geringe Lernwilligkeit im Lateinischen so weit vorbereitet, daß ich in die Quarta eines Realgymnasiums aufgenommen werden konnte. -Die Jahre, die nun folgten, decken die üblichen Schulerinnerungen, bei denen in der Regel die Lehrer mit den Schülern und diese mit ihnen unzufrieden sind. Meist hat natürlich der Lehrer recht, wenn er sich nicht gerade den Ehrennamen "bullus vulgaris" oder "der gemeine Blutegel" erwirbt, den man zweien meiner Lehrer angehängt hatte.

Den Übergang aus der Schule ins Leben schildert meine Schrift:

„Eine Lehrzeit im Schiffahrtsgewerbe vor 40 Jahren". (s. 17)

 

Unsere Mutter

Du, Mutter sahst mein Auge trinken

des irdischen Tages erstes Licht;

Auf dein erblassend Angesicht

sah ich den Strahl des Himmels sinken.

 

 

 

Was warst du uns alles, liebe Mutter! Wie hast du uns betreut von Jugend an. Wie wußtest du uns in allen Lagen des Lebens zu trösten. Niemals hörten wir eine Klage aus deinem Munde. Bezeichnend ist es, was deine Geschwister von dir erzählt haben. Als kleines Kind hattest du Zahnschmerzen, die dich zum Stöhnen zwangen. Um nun niemanden im Schlaf zu stören, seiest du aus dem Schlafzimmer geschlichen und habest dich draußen im Nachtkleide auf den Flur gesetzt. Ja, so warst du, selbstlos und geduldig. Niemals hast du Böses über andere gesagt, und selbst in den Belgiern, die nach dem Weltkrieg als lästige Gäste in deinem Hause waren, konntest du nur Menschen erblicken, "die gewiß doch auch ihr Gutes hätten". Wie haben sich deine Enkel und Enkelinnen gefreut, wenn sie zu ihrer Oma gehen durften, die aus ihren bescheidenen Mitteln immer noch etwas für sie hatte. Durch ihre Klugheit vermied sie jeden Zusammenstoß mit anderen. Sie schwieg lieber anstatt etwas zu sagen, das nur im geringsten dazu angetan war, Unfrieden zu stiften. Unserem Vater war sie eine rastlos tätige, treue Lebenskameradin, die lebhaften Anteil an seiner Arbeit nahm. Ihren eigenen Vater hatte sie in frühester Jugend durch einen Unglücksfall bei einer Reparatur an seiner Mühle (Klostermühle Thedinga) verloren. Der Pfarrer, der der Mutter die Leichenrede hielt, glaubte sie wegen der Besonnenheit und Klugheit mit dem König

David vergleichen zu sollen. Mochte dieser Vergleich auch etwas sonderbar erscheinen, so zeugt dieser Gedanke doch von der Hochachtung, die man der Mutter entgegenbrachte. Niemals war sie laut, und niemals habe ich sie laut lachen hören. Auch ihre Trauer trug sie still und ergeben. Uber ihre letzten Jahre muß man leider die Worte schreiben. „Multa tuli", vieles habe ich ertragen. Nach langer Krankheit erlöste sie der Tod im 76. Lebensjahr. Ihre Mutter, Janna Rabenberg, geb. Sikkes, erreichte ein Alter von 70 Jahren und ihre Großmutter, die ich noch gekannt habe, Remde Evert Heikes, ein solches von 97 Jahren. Es mag hier erwähnt werden, daß diese alte Dame unter Napoleon das Alkoholmonopol für ganz Ostfriesland hatte und darum die Franzosen trotz ihres deutschen Charakters nicht ganz so grimmig ansah, wie die meisten ihrer Volksgenossen. Jedenfalls fiel die materielle Seite etwas mit in die Wagschale. Die Sache war ihrer Meinung nach so, daß die Franzosen je eher desto lieber zum Teufel gehen möchten, wenn man ihr nur das einträgliche Monopol ließe, was sie natürlich nicht erwarten durfte.

Die Vorfahren unserer Mutter ließen sich aus den Kirchenbüchern weiter zurückverfolgen, als die unseres Vaters. (Siehe die beiliegenden Stammbaumnotizen) Ich vertrete aber auch den Standpunkt, daß die Vorfahren nur so weit von Interesse sind, als man wirklich etwas über sie weiß. Ich habe die Nachforschungen daher nur bis zu den Urgroßeltern, d.h. bis zu den Ururgroßeltern meiner Kinder, betrieben. Wenn es für alles Ersatz gibt auf Erden, eine Mutter, wie die unsrige, ist nicht zu ersetzen.

Erwähnt werden aus meiner Mutter Familie soll hier wegen seiner engen Verbundenheit mit unserer Familie noch ihr im 87. Lebensjahr (1936) stehender Bruder, Johannes Rabenberg, der bis zu seiner Pensionierung Geschäftsführer der Städtischen Gas-, Wasser—, und Elektrizitätswerke in Leer war. Seine Frau war eine Schwester unseres Vaters (Wilhelmine). Wir haben von beiden viel Freundschaft genossen.

 

Hier endet die kleine Familienchronik meines Onkels Christian, der auch mein Patenonkel war.

Sein Sohn, Dr. med. dent. Helmut Dirksen hat nach dem Krieg folgende Zeilen hinzugefügt:

Durch einen Bombenangriff auf Mannheim im Jahre 1944 wurde das Haus unserer Eltern vollkommen zerstört. In dem Feuer verbrannten neben einer 300 Jahre alten Familienbibel die Schriften unseres Vaters Christian Dirksen: „Eine Lehrzeit im Schiffahrtsgewerbe vor 4o Jahren". Sie stehen uns für die Ergänzung der Familienchronik nicht mehr zur Verfügung. Unser Vater starb am 3.November 1940 in den Armen unserer Mutter. Für seine Grabrede hatte er das Bibelwort von Johannes 11, Vers 25/26 ausgewählt, das lautet: "Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt der wird leben, ob er gleich stürbe, und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben". Unser Vater hatte das Leitwort zu seiner Beerdigung schon längere Zeit vor seinem Tode ausgewählt. Es war bezeichnend für ihn. Er wollte nicht, daß an seiner Bahre von ihm die Rede sei. Christus war sein Herr.

Mit seinem Heimgang war ein reiches Leben zu ende gegangen. Wenn von ihm die Rede ist, muß davon ausgegangen werden, daß viel von dem Wirken Christi in seinem Leben die Rede ist. Von diesem Wirken weiß die Familie. Seine Frau, unsere Mutter, Franziska Dirksen, wurde geboren am 8.2.1877 und starb im Januar 1958.

Unser Vater und unsere Mutter waren im Glauben an Christus als dem Herrn im Tiefsten einig. Das heißt aber nicht, daß sie einen engen Gesichtskreis hatten. Was unser Vater beruflich geleistet hat, davon seine Mitarbeiter am besten zu sprechen. Sein Gesichtskreis ging aber noch weit über sein berufliches leben hinaus. Ein weiter Blick, gebildet durch Geschichtskenntnisse und Literatur, war ihm zu eigen. Bei allen Dingen des täglichen Lebens stand der Glaube an Christus im Vordergrund. Den Tag begann er mit einem Choral, wobei er sich selbst mit dem Harmonium begleitete. Dann wußten alle im Haus: der Vater beginnt seinen Tag mit Christus.

Mein Vater liebte die Einsamkeit und lebte ziemlich zurückgezogen. Vorträge hielt er aber doch hin und wider, z.B. am 24.11.1933 im Evangelischen Gemeindeverein in Mannheim über das Thema: „Lutherbibel und Lutherdeutsch".

Unsere Weihnachtsfeiern waren besonders schön. Lilly, Christel und ich mußten während der Adventszeit sämtliche Strophen der bekannteren Weihnachtslieder lernen, während der Geruch von Mutters Weihnachtsgebäck und Stollen durch Türen und Stuben zog. Am Heiligen Abend spielte Mutter zur Begleitung auf dem Klavier die Weihnachtslieder.

Vater begleitete uns auf der Geige. Vor der Bescherung las Vater die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel. Es war eine fröhliche gnadenbringende Weihnachtszeit.

Aus der Ehe meiner Großeltern (Carl Christian Wilhelm Dirksen, geb. am 10.2.1850) mit Hillene Gerhardine Rabenberg, geb. 2.8.1851, gingen folgende Kinder hervor:

Christian geb. 21.6.1874 zu Esens/Ostfriesland

Johannes geb. 23.4.1876 zu Meiderich

Hillene geb. 29.5.1878 zu Meiderich

Carl geb. 24.12. 80 zu Meiderich

Marie geb. 14.9.1883 zu Meiderich

Stephan geb. 3.5.1886 zu Meiderich

Wilhelmine geb. 12.4.1888 zu Meiderich

 

Zwei Kinder, Georg und Wilhelm, starben kurz nach ihrer Geburt.

Johannes besass einen sehr guten Fabrikationsbetrieb der Autmobilbranche und Handel mit Autersatzteilen.

Carl war Hotelbesitzer in Mörs (Hotel zur Trotzburg), eine lebenslustige, fröhliche Natur. Er hielt von Kind an die Familie durch seine Streiche in Atem. Durch seinen Ubermut brachte er es auch u.a. dazu, daß er vorzeitig seine „klassischen Studien" abbrechen mußte. Er starb Ende Dezember 1936.

Hillene lebte in Meiderich als Gattin des Mittelschullehrers Hugo Gräb. Die älteste Tochter, Leni, ist Pfarrfrau, die beiden Brüder Hugo und Carl hatten ein Elektrogeschäft in Meiderich.

Marie wohnte in Berlin. Ihr Mann, Paul Gessel, war Betriebsleider in einer Sprengstoffabrik. Kinder: Paul und Hilde

Stephan als der wirtschaftlich Erfolgreichste der Geschwister, war Direktor des Roheisenverbandes in Essen. Mit ihm, seiner Frau Mally geb. Wiemann und seinen Kindern Helmut und Gisela, verbindet uns eine herzliche Freundschaft.

Wilhelmine hat im vorgerückten Alter noch einen braven Mann, den Verwaltungsinspektor Karl Jordan geheiratet.